Rolf Striegnitz Karlstraße 18, 99755 Ellrich                                                       Ellrich, im Mai 2005

geb. 05.06.1928

Telefon + Fax 036332-20489

E-Mail  rolfstriegnitz@gmx.de

 

(Nach 60 Jahren aus der Erinnerung aufgeschrieben)

 

 

Aus dem Inhalt

 

Thema    1 -  1000 Jahre in zwölf Jahren vollendet! Der Anfang nach dem Ende?

Thema    2 -  Auf Hamsterfahrt

Thema    3 -  Hochzeit mit Hindernissen! Hochzeitsgast mit Messeausweis!

Thema    4 -  Selbstversorger!

Thema    5 -  Kleintierhaltung!

Thema    6 -  Pflichtsoll in der Landwirtschaft!

Thema    7 -  Auch die Grenze war für viele eine Erwerbstätigkeit.

Thema    8 -  Ein weiteres Problem war das Beheizen der Wohnungen und Betriebe.

Thema    9 -  Der Kraftstoffmangel war ein weiteres Problem.

Thema  10 -  Kulturelles Leben entwickelte sich sehr langsam.

Thema  11 -  Der Anfang nach dem Ende - Mit den „Südharzer Jungspatzen" auf Tournee

Thema  12 -  Das Kino war in Ellrich wieder eines der ersten Angebote im Unterhaltungssektor.

Thema  13 -  Ellrich, die Stadt der Segelflieger und der ruhigen Erholung.

 

 

 

Thema 1
1000 Jahre in zwölf Jahren vollendet! Der Anfang nach dem Ende?

Nachdem das Tausendjährige Reich, solange sollte es laut Nazi-Propaganda halten, nach zwölf Jahren sein unrühmliches Ende gefunden hatte, war aller Anfang sehr schwer. Aus der Gefangenschaft heimgekehrt, hätte ich mich auf der Domäne in Walkenried als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter anmelden müssen. Statt dessen meldete ich mich  auf dem Arbeitsamt in Ellrich. Unser Ziel, mit meinem ein Jahr jüngeren Bruder, war, die durch die Kriegsereignisse unterbrochene Tischlerlehre fortzusetzen. Das war aber leichter gesagt als getan. Unser Vater und Lehrmeister war auch noch in englischer Gefangenschaft. So wurde eine Notlösung gefunden. Unser damaliger Bürgermeister, Otto Sickert, war auch Tischlermeister von Beruf. Er hat die Patenschaft für uns zwei Lehrlinge übernommen. So konnten wir den väterlichen Betrieb bis zu seiner Rückkehr aus der englischen Gefangenschaft, er kam erst 1946 zurück, weiterführen. Noch bevor ich am 21. Juni heimgekehrt war, hatte mein Bruder schon seinen ersten Wiederinstandsetzungseinsatz in der zerbombten Stadt Nordhausen geleistet. Unsere Großeltern  wohnten damals an der Bleiche 16. Das Haus war zwar nicht zerbombt, aber alle Fensterscheiben waren durch den Luftdruck zersplittert. So hat er unseren ganzen Glasvorrat auf den Handwagen geladen und hat es zu Fuß nach Nordhausen transportiert. Um möglichst alle Fensterscheiben ersetzen zu können, wurden auch alle Reste zusammengesetzt, so hatte manche Scheibe ein bis zwei Fugen. Die Hauptsache war, der Schaden war behoben. Somit hatte dieses Haus, nach ein paar Tagen nach dem Bombenangriff, als erstes wieder schließbare Fenster erhalten und konnte  wieder beheizt werden. Das hatten aber auch die eingetroffenen amerikanischen Offiziere entdeckt und haben sich sofort einquartiert. Da wurde zusammengerückt. Zum Glück konnten die Großeltern in der einen Hälfte der Wohnung bleiben. Es war ja nur für kurze Zeit. Mit der Taschenuhr meines Großvaters sind sie dann nach ein paar Wochen abgezogen, haben aber einen großen Karton Streichhölzer und einen Fuchsschwanz (Handsäge) im Keller zurückgelassen. Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich. Die nachfolgenden Offiziere der Roten Armee hatten auch sofort das Haus mit den ganzen Fensterscheiben entdeckt und waren die nächste Einquartierung unter den gleichen Bedingungen, die Großeltern konnten wieder in der Wohnung bleiben.

Nach meiner Heimkehr aus englischer Gefangenschaft haben dann wir zwei Lehrlinge die Tischlerwerkstatt wieder eröffnet und  hatten auch gleich neue Kundschaft. Auch in Ellrich hatte die Rote Armee  Einzug gehalten. Die Offiziere hatten sich gleich in einigen Häusern einquartiert. Diese mußten allerdings von den deutschen Bewohnern geräumt werden. Die russischen Soldaten mußten die ersten Tage bei Regenwetter  mit Pferd und Wagen auf dem Schützenplatz kampieren. Das angebotene Quartier im Schützenhaussaal wurde abgelehnt. Es mußten aber noch einige Häuser geräumt werden, um dann die russischen Soldaten in den Häusern einzuquartieren. Unter anderem wurde auch der Bürgergarten als Quartier für die russischen Soldaten  beschlagnahmt. Die Straße wurde abgesperrt, zwei Triumphbogen errichtet mit der Aufschrift (in russisch) „Unsere Sache ist gerecht, wir haben gesiegt“. Auf dem Dach wurde rund um den Schornstein für die Objektwache ein Hochstand errichtet. Er war Tag und Nacht besetzt. Der Sommer ging zu Ende und die Öfen wurden angeheizt, aber oben kam kein Rauch aus dem einen Schornstein. Nur die angeschlossenen Öfen qualmten aus allen Fugen. Da wurde der Schornsteinfeger geholt, um den Schornstein zu reinigen. Das war eine ekelerregende Arbeit, denn die Wachposten hatten den ganzen Sommer über den Schornstein als Plumpsklo benutzt.

Nach kurzer Zeit wurden alle in Ellrich anwesenden Tischler, Stellmacher und Schmiede verpflichtet, für die Rote Armee neue Panjewagen (Pferdewagen) anzufertigen.  Die Holzarbeiten wurden im Sägewerk von Montanus und die Schmiedearbeiten  in der Schmiede von Hüllenhagen ausgeführt, allerdings vom Stellmachermeister Hüllenhagen.
(Der Bruder und Schmiedemeister war noch  nicht  aus dem Krieg heimgekehrt.) Es durfte nur astfreies Holz verarbeitet werden. Wenn die fertigen Wagen abgenommen wurden und ein kleiner Ast von nur wenigen Millimetern entdeckt wurde, mußte das Teil ausgewechselt werden. Eines Tages erschien ein Offizier mit Reitpferd in der Schmiede und ließ sein Pferd mit neuen Hufeisen beschlagen. Nachdem die  Arbeit erledigt war, gab er dem Meister einen Tausender (Alliiertengeld, war eine Zeitlang zweite Währung), dieser ging in die Wohnung um das Wechselgeld zu holen. Als er wieder zurück kam, war der Offizier schon davon geritten.

Zu den ersten Kunden in unserer Tischlerei zählten auch ein russischer Offizier und zehn Soldaten, welche sich in der Eisengießerei und Maschinenfabrik Busse, an der späteren Demarkationslinie, einquartiert hatten. - Die Maschinen der Fabrik wurden kurze Zeit später demontiert und als Reparationsleistung  an die Sowjetunion abgeliefert. Ob sie da im brauchbaren Zustand angekommen sind, ist sehr zweifelhaft. - Zuerst kam der Offizier zu uns in die Werkstatt. Er bestellte einen Holzkoffer, mit Angabe der Größe, bis morgen fertig. Er sprach einigermaßen Deutsch, so daß die Verständigung gut möglich war. Am nächsten Tag bei Abholung des Koffers fragte er, wieviel kostet der Koffer. Wir sagten 20 Reichsmark, er gab uns Hundert und sagte auf Wiedersehen. Am folgenden Tag kam einer der Soldaten mit dem gleichen Anliegen, er fragte nicht nach dem Preis, gab uns wieder einen Hunderter.  So vergingen die nächsten Tage, bis jeder der Soldaten seinen Koffer hatte. Sie konnten eben den Wert des Geldes nicht einschätzen.

 

 

 

Thema 2
Auf Hamsterfahrt

 

Es gab zwar noch die seit Kriegsanfang eingeführten Lebensmittelkarten, so daß keiner Hunger leiden sollte. Aber nicht alles, was uns laut Lebensmittelkarten zustand, war im Einzelhandel erhältlich. So entwickelten sich die auf lange Zeit anhaltenden Hamsterfahrten auf die umliegenden Dörfer und den schwarzen Markt.  Alles was nicht unbedingt zum Leben gebraucht wurde, wurde gegen Produkte der Landwirtschaft eingetauscht. Viele lebensnotwendige Artikel, welche man nicht auf Lebensmittelkarten erhalten konnte, wurden auf dem schwarzen Markt zu sehr erhöhten Preisen angeboten. Wir sind oft in die Dörfer der Goldenen Aue zum Hamstern gefahren. Wenn wir Glück hatten, bekamen wir bei einem Bauern einen Tragekorb voll Kohlrüben oder Möhren zum normalen Preis, ohne etwas von unseren Habseligkeiten opfern zu müssen. Wertvolle Güter hatten wir sowieso keine. Kohlrüben stehen seitdem nicht mehr auf unserem Speiseplan. Viele Bauern haben die Not der Menschen ausgenutzt. So wurde manch wertvoller Gegenstand gegen einen Sack Kartoffeln oder andere Produkte eingetauscht. Ölgemälde, Silberbestecke, Pelzmäntel, wertvolles Tafelgeschirr, Teppiche usw. haben so den Besitzer gewechselt. Mancher Bauer, auch sogenannte Neubauern, hatten dann keinen Bedarf mehr an solchen Angeboten. Die Teppiche lagen schon einer über dem anderen in der guten Stube. Klaviere hatten sie schon zwei und auch noch ein Harmonium. Ihnen fehlte nur noch ein Schlips für den Ochsen. ( Zeitgemäße Redensart.)


Auch in unserer Tischlerei angefertigte Möbel waren ein Tauschobjekt. In Mauderode, es war im Jahre 1950-51, hatten sich einige sogenannte  Neubauern angesiedelt. Ihnen wurden neue Häuser gebaut. Für einen haben wir für das ganze Haus die Türen geliefert. Auch einen ovalen Ausziehtisch für 12 Personen. Als Gegenleistung für den Tisch haben wir ein Mutterschaf mit zwei Lämmern erhalten. Als er die Türen mit seinem Pferdegespann  abholte, brachte er die drei Schafe mit. Es war bei winterlicher Kälte, tags zuvor hat er noch die Wolle vom Mutterschaf geschoren. So hat sich das Tier so erkältet, daß wir es notschlachten mußten. Es war vollkommen abgemagert, keine Spur Talg.  Das ältere der Lämmer, es war ein Bock, angeblich ein Hammel, hat das jüngere so lange im Stall geboxt, bis es tot war. Das eine überlebende Tier wurde dann unser Hochzeitsbraten. Einmal sind mein jüngster Bruder und ich in westlicher Richtung zum  Hamstern gegangen. In Walkenried haben wir von einem Bauern für zwei Flaschen Nordhäuser Korn, Schwarzmarktpreis a 40,00 Mark, einen Zentner Weizen  bekommen. Bei einem Müller haben wir dafür die übliche Menge Mehl bekommen, dies haben wir bei einem Bäcker gegen 10 Brote á 2 Kilo eingetauscht. Jeder Tausch fand in einem anderen Dorf statt. Als wir am Abend von unserer Einkaufstur zurück kamen, hatten wir nur noch 9 Brote. Der Appetit war groß, es hat auch ohne Zubrot geschmeckt. Auch hatten wir Beziehungen zu einem Schäfer. Wenn er einen Hammel geschlachtet hat, haben wir einige Male eine Hälfte davon abbekommen. Die Schafe wurden zwar auch gezählt, aber es gab auch Zwillings -und Drillingsgeburten, welche nicht gemeldet waren.

 

 


Thema 3
Hochzeit mit Hindernissen! Hochzeitsgast mit Messeausweis!

 

Eigentlich wollten wir im August heiraten, da hatten meine Eltern Silberne Hochzeit. Da aber zu der Zeit wegen Typhuserkrankung größeren Ausmaßes im Kreisgebiet eine Quarantäne mit Einreisesperre angeordnet wurde, mußten wir unsere Doppelhochzeit auf den 01. September verlegen. Dann kam das nächste Hindernis, die 5-km-Sperrzone, keine Einreise für Westdeutsche. Die Geschwister meiner Mutter wohnten in Holzminden ( Niedersachsen) und Bregenz (Österreich). Zu dieser Zeit fand aber die Leipziger Messe statt. Da mein Onkel in Holzminden ein Geschäft hatte, erwarb er für sich, seine Frau und eine Angestellte drei Messeausweise. Auf den dritten Ausweis ist dann meine Tante aus Österreich unter falschem Namen mit eingereist. Mein Onkel ist allein nach Leipzig gefahren und hat sich die Anwesenheit auf den Messeausweisen bestätigen lassen. So konnten alle drei an der Hochzeitsfeier teilnehmen. Da wegen unserer kleinen Wohnung eine Übernachtung nicht möglich war, wurde bis zum Morgen durchgefeiert. Mit dem ersten Zug am anderen Morgen sind sie dann mit den Großeltern nach Nordhausen gefahren, wo sie noch ein paar Tage bleiben durften. Doch für meine Tante aus Bregenz war es wohl doch alles  sehr belastend, so daß sie ernstlich erkrankte und ärztliche Hilfe benötigte. Ein Arzt  der Poliklinik war auch schnell zur Stelle, mußte aber über den genauen Stand der Dinge aufgeklärt werden. Da zu den nachfolgenden Hausbesuchen nicht immer derselbe Arzt kam, mußten auch diese über den wahren Sachverhalt unterrichtet werden. Alle haben sich an die ärztliche Schweigepflicht gehalten, die Rezepte wurden einfach auf ihre Mutter ausgestellt. Da die Erkrankung sehr schwer war, sie dauerte mehrere Wochen, konnte sie auch nicht die Heimreise antreten. Als es  endlich möglich war, sie mit dem Krankenwagen bis zur Grenzkontrollstelle nach Ellrich –ehemaliger Kleinbahnhof- zu bringen, konnte sie ihr Bruder aus Holzminden abholen. Wie es der Zufall so ergab, hatte gerade ein Verwandter  von mir  Dienst an der Kontrollstelle. Er kam dann zu mir an den Schlagbaum, wo wir das Umladen beobachteten und sagte, die Frau kenne ich doch. Darauf sagte ich ihm, das sie eine Angestellte von meinem Onkel sei, das hat er dann auch akzeptiert. Als dann der PKW meines Onkels in Richtung Walkenried abgefahren war, sind wir erleichtert heimgegangen. Sie ist dann noch eine Zeitlang in Holzminden geblieben, bis sie dann endlich die Heimreise nach Bregenz- Österreich antreten konnte. Das waren aufregende Wochen für die ganze Verwandtschaft.

 

 

 

Thema 4
Selbstversorger!

 

Das war die Devise der nächsten Jahre. Die Kleingarten-Anlagen wuchsen wie Pilze aus der Erde.  Alle zur Verfügung stehenden und für den Anbau von Gemüse geeigneten Flächen wurden umgegraben. Einer der Sülzhayner Teiche wurde entwässert, in Parzellen eingeteilt und als neue Kleingartenanlage genutzt. Selbst auf dem Judenfriedhof haben einige Heimatvertriebene auf der Stelle, wo keine Gräber waren, Gemüse angebaut. Heimatvertriebene kamen sehr viele nach Ellrich, so hat sich die Einwohnerzahl in ein paar Jahren von 5000 auf 8000 erhöht. Leider hat sich die Einwohnerzahl nun wieder halbiert. In einigen Einfamilienhäusern auf der Kolonie haben 2-3 Familien gewohnt. Das war ein großer Akt von Solidarität, da könnte sich heute mancher Bürger ein Beispiel daran nehmen. In unserem 3-Familienhaus Kolonie 38, haben wir unsere Tante, welche mit fünf Kindern aus Oppeln flüchten mußte, aufgenommen. Zwei Wohnungen waren nur 56 qm groß, die andere nur eine Mansarde mit 30 qm.   Da wir alle verwandt waren, wurden die sechs Personen auf die drei Familien aufgeteilt.  Jeder Einwohner, welcher mehr als 7qm Wohnfläche zur Verfügung hatte, mußte Heimatvertriebene aufnehmen. Teils freiwillig und auch zwangsweise. Denn es gab auch einige Geschäftsleute im Stadtzentrum, welche sich weigerten in ihrem Geschäftshaus Heimatvertriebene aufzunehmen. Obwohl reichlich Wohnraum vorhanden war. Später wurden in der DDR die Heimatvertriebenen als Ostumsiedler bezeichnet.

 

 

 

Thema 5
Kleintierhaltung!

Die Not machte erfinderisch. Zur Selbstversorgung entwickelte sich auch die Kleintierhaltung. Je nach Möglichkeiten, wurden alle Arten von Geflügel, Kaninchen, Schafe, Ziegen, Schweine und selbst Kühe angeschafft. So gab es in Ellrich zeitweise an die tausend Ziegen. Zwei Ziegenhirten hatten einige Jahre ein festes Einkommen. Es gab kaum noch ein Stück Land, welches nicht genutzt wurde. Jeder Rasenweg oder Straßengraben wurde landwirtschaftlich genutzt. Entweder gemäht oder abgeweidet. Jede Familie welche ein Schwein schlachten wollte, mußte es auf dem Landwirtschaftsamt anmelden. Sie galten dann als Selbstversorger und bekamen keine Fleischmarken mehr. Wer das Schlachten nicht angemeldet hatte wurde bestraft wegen Schwarzschlachten. Ein Ellricher Bürger hatte ein Schwein zum Schlachten angemeldet und dazu noch eine Kuh schwarzgeschlachtet. Da die Schweinedärme nicht ausreichten wurden auch Rinderdärme mit für die Wurst verwendet. Weil die Würste zu groß und nicht abgebunden wurden, sind sie in der Räucherkammer abgerissen und in die Glut gefallen. In einem Fall wurde eine von einer Weide geklaute tragende Kuh schwarzgeschlachtet. Sogar das ungeborene Kalb wurde als Kalbfleisch  an eine Gaststätte verkauft, was zur Folge hatte, daß  der Verzehr gesundheitliche Folgen hatte. So hat jeder versucht  diese schwere Zeit zu überleben.

Viele Männer waren noch in Gefangenschaft. Aus Russischer  Gefangenschaft kamen die letzten erst nach zehn Jahren zurück, sehr viele auch gar nicht. Einige Ellricher Männer wurden  von den Russen abgeholt, sie kamen nie wieder heim! Viele Mütter mußten sich allein kümmern, um ihre Kinder satt zu kriegen. Durch Erntehilfsarbeiten bei den Bauern, wobei auch die Kinder mit helfen mußten, wurde zum Lebensunterhalt  beigetragen. Als Entlohnung  wurden Naturalien lieber genommen als Geld. Auch das Ährenlesen und Kartoffeln stoppeln auf abgeernteten Feldern boten eine Möglichkeit, etwas in den  Kochtopf zu bekommen.

 

 

 

Thema 6
Pflichtsoll in der Landwirtschaft!

 

Die Bauern und Landwirte wurden verpflichtet, je Hektar eine vorgeschriebene Menge ihrer Erzeugnisse abzuliefern zu normalen Preisen. Alles was Sie darüber geerntet hatten, konnten sie selbst  vermarkten. Das waren die sogenannten „freien Spitzen“. Den Preis dafür haben sie selbst festgelegt. Angebot und Nachfrage regelten den Preis. Auch auf dem Schwarzmarkt  wurden unter anderen viele landwirtschaftliche Erzeugnisse angeboten. Ein Bauer in Ellrich, er war ein Anhänger der Monarchie, hat sich nicht an der Not der Menschen bereichert. Alles was er den Leuten verkauft hat, nur zu Vorkriegspreisen! Für  viele Hektar Land, welches er zwangsweise an den Staat verkaufen mußte, weigerte er sich, das Geld anzunehmen. Er hätte das Land von seinem Vater geerbt und hätte kein Recht es zu verkaufen, sondern müßte es an  seine Kinder weiter vererben.   Das Land wurde zur Errichtung der Grenzbefestigung benötigt, der Staatsgrenze West, wie sie später genannt wurde. Einer Kundin waren 80,00 RM für ein Fenster mit drei Flügeln zu teuer. Selbst hatte sie keine Skrupel für einen Zentner Weizen 50,00 RM zu fordern. Durch die Gründung der staatlichen Handelsorganisation (HO) wurde der Schwarzhandel dann legalisiert. Die HO hat die Schwarzmarktpreise einfach unterboten, alle paar Wochen oder Monate gab es eine Preissenkung bis ein normales Preisniveau erreicht war.

 

 

 

Thema 7
Auch die Grenze war für viele eine Erwerbstätigkeit.

 

Täglich kamen mit den Zügen von Nordhausen Hunderte Reisende nach Ellrich - oft standen die Leute auf den Trittbrettern, weil die Abteile übervoll waren - um dann zu Fuß nach Walkenried zu laufen. Teils um nach Wesermünde oder nach Bremen und Hamburg zu fahren. Denn für ein paar Flaschen Schnaps konnte ein Rucksack Fisch und Fischöl eingetauscht werden. Mit Fischöl haben wir auch Kartoffeln gebraten. Ein Reisender in Sachen Fisch hatte seinen Schnaps gegen eine große Büchse Rollmöpse eingetauscht, 5 Kilo. Freudestrahlend wurde sie zum nächsten festlichen Anlaß geöffnet. Dann kam die Überraschung  als sie  geöffnet wurde, es waren nur Heringsköpfe drin. Auch so haben viele Leute in der westdeutschen Fischindustrie die Leute aus der Ostzone, wie es damals hieß, übers Ohr gehauen. Viele blieben auch gleich drüben in den Westzonen, denn die Besatzungstruppen hatten bei uns gewechselt. Die Amis sind abgezogen und die Russen kamen, nicht zu unserem Vorteil.  Die Demarkationslinie war ja nur für die Besatzungstruppen gedacht und nicht für die Bevölkerung. Sie  wurde am Anfang noch nicht bewacht, doch wurden ortskundige Führer gebraucht. Teils ging es durch  die Aue und viele gingen gleich ohne ortskundigen Führer vom Bahnhof die Schienen entlang durch den Tunnel nach Walkenried. Sie wollten das Geld für den Grenzführer sparen, viele haben das andere Ende des Tunnels nicht erreicht. Ein ehemaliger KZ-Häftling trieb sein Unwesen im Tunnel, er überfiel die Grenzgänger, plünderte sie aus und ermordete sie. Es gab auch einige KZ-Häftlinge die nicht aus politischen Gründen im KZ  waren, aber bei der Befreiung und Freilassung wurde das nicht beachtet. Sie haben sich noch einige Zeit in Ellrich und Umgegend aufgehalten. Sie trauten sich nicht in ihren Heimatort zurück, da hätte man sie gleich wieder festgenommen. Zum Glück wurden sie früher oder später alle wieder im Haft genommen.

Ein Ellricher Rentner stand mit seinem großen Handwagen am Bahnhof, da konnten so 10-12 Grenzgänger ihre Koffer und Rucksäcke aufladen und ab ging es nach Walkenried, pro Gepäckstück 5,00 Mark. In Walkenried konnten dann die Rückkehrer ihre stark nach Fisch riechende Fracht aufladen um wieder nach Ellrich zu fahren, pro Gepäckstück 5,00 Mark. Die Leute mußten natürlich den Wagen selbst in Bewegung setzen. Ein kleines Schild am Wagen mit Adresse des Rentners erleichterte ihm dann das Fuhrgeschäft. Er ging nicht mehr mit nach Walkenried, er kassierte die westwärts Reisenden am Bahnhof in Ellrich ab und wartete, bis der Wagen mit Rückreisenden eintraf, um dann wieder die Hand aufzuhalten. So war der Wagen mehrmals am Tage zwischen Ellrich und Walkenried unterwegs, ohne daß er einen Finger gekrümmt hat. Kassiert hat er mit ausgestreckter Hand. Später als die Grenze schon von den Russen bewacht wurde, hat ein anderer Bewohner eines kleinen Einfamilienhauses die Leute gleich in größeren Mengen über die Grenze gebracht. Seine Adresse wurde  in Berlin  für 5 Mark auf dem schwarzen Markt verkauft. Er sammelte die Leute, welche mit den Zügen in Ellrich ankamen, in seinem Haus bis zum Abend, bis es dunkel wurde. Sämtliche Räume bis auf den Boden wurden als Warteraum genutzt. Eines Tages waren es ca. 50 Personen, je 50,00 Mark, das hat sich gelohnt. Das hat nur funktioniert, weil er sich mit russischen Soldaten angefreundet hat. Die gingen bei ihm ein und aus als gehörten sie mit zur Familie. Für zwei Flaschen Schnaps, welche auf dem Küchentisch standen und von einem Soldaten  bewacht wurden. Zwei andere gingen voraus an die Noch-Demarkationslinie und warteten auf die Grenzgänger. Die Grenzführer gingen mit einer Blechbüchse voran und schlugen  mit einem Stöckchen an die Büchse und die Leute im Gänsemarsch hinter her. Das hörten die Russen und gingen laut Verabredung an die Seite und die Kolonne konnte passieren.

Eines Tages wurde das russische Wachkommando  unverhofft abgelöst, so liefen die zwei Grenzführer mit der Kolonne den Russen direkt in die Arme. (Es war  noch ein Tscheche mit dabei, ein sogenannter Ostarbeiter, der wohnte noch bei der Ellricher Familie. Er wollte nicht in seine Heimat zurück, es gefiel ihm in Deutschland sehr gut.)
Die russischen Posten kümmerten sich nicht um die Grenzgänger, die ließen sie laufen, sondern verfolgten die beiden Grenzführer bis zurück in die Stadt. Auf dem Schützenplatz haben sie dann die beiden aus den Augen verloren. Weil sie dachten, sie seien auf die Bäume geklettert, schossen sie wild mit ihren Maschinenpistolen in  die Baumkronen.

Zu der Zeit, als deutsche Grenzpolizei im Einsatz war, ist Folgendes passiert. Zur Zeit der Heuernte, bei hellem Sonnenschein, ging ein Mann mit geschultertem Harken an einer Wiese entlang, auf der das Heu zum Wenden war. Zwei Grenzer, die an der Grenze wachen mußten,  hatten sich angeschlossen um sich mit ihm zu unterhalten. Als das Ende der Wiese erreicht war und der Mann immer weiter ging sagte der eine Grenzer, nun sind Sie doch mal ehrlich, Sie wollen doch kein Heu wenden sondern über die Grenze. Ja sagte dann der Mann, sie haben es erraten, aber ich bin schon drüben, wenn Sie nicht mit wollen, müssen Sie wieder zurück gehen! Ein Grenzzaun war noch nicht vorhanden.  Ein anderer ortskundiger Einzelgänger ging mit Gehstock und brennender Stallaterne durch die stockdunkle Aue, als ein paar Meter vor der Grenze ein Ruf ertönte: “Halt, stehen bleiben, Grenzpolizei!“ Als die Grenzer bei dem vermutlich stehen gebliebenen Grenzgänger angekommen waren, erblickten sie nur den in die Erde gedrückten Gehstock  mit daran hängender Stallaterne. Der Grenzgänger war ohne Laterne gemütlich weiter gegangen.


Einen Wohnortwechsel im Kleiderschrank vollbrachte eine junge Frau aus Wieda. Ihr Mann stammte aus unserem Haus, da Ihr Mann in Stalingrad vermißt war, wohnte sie in Wieda bei Ihren Eltern. Ihre Wohnung hatte sie noch in Ellrich, und wurde wie viele andere, vor die Wahl gestellt, sich zu entscheiden. Entweder zurück nach Ellrich zu kommen oder nach Wieda zu ziehen. Die Möbel durfte sie abholen und bekam dafür einen Passierschein, aber nicht für ihre Person, da sie ja schon in Wieda wohnte und sich ohne Genehmigung in Ellrich auf hielt. Den Transport der Möbel hatte ich übernommen. Dazu hatte ich mir von einem Bauern zwei Kühe mit Wagen geborgt, die Möbel aufgeladen und die Frau in einem Kleiderschrank  versteckt. Auf diese Weise ist sie dann von Ellrich nach Wieda umgezogen.

 

 

 

Thema 8
Ein weiteres Problem war das Beheizen der Wohnungen und Betriebe.

 

Kohlen waren Mangelware, es wurde vorwiegend mit Holz geheizt. Deshalb sind wir den ganzen Sommer, wie es die Zeit  erlaubte, mit dem Handwagen in den Wald gefahren, um Brennholz zu holen. So sauber wie in dieser Zeit war der Wald nie wieder! Am Waldrand angefangen wurde der Weg in den Wald von Woche zu Woche immer länger, bis kein Zweig mehr auf dem Waldboden lag. Dann wurde auch zu Axt und Säge gegriffen und alle trocken gewordenen Bäume wurden umgelegt. Auch Sägespäne, ein Abfallprodukt der Holzindustrie, wurde als begehrtes Heizmaterial wiederentdeckt. Dafür wurden spezielle Sägespäneöfen benötigt; diese  hat es früher schon gegeben. Es war keine neue Erfindung,  sie waren nur aus der Mode gekommen. In der Not greift man auch auf Altbewährtes zurück. Zur Herstellung dieser Öfen wurden ein Teil der Antriebskessel der V1-Raketen verwendet und auch herkömmliche Bleche. Es dauerte nicht lange und diese Öfen standen in allen Werkstätten, Geschäften, Gaststätten usw.
Sie waren nicht ungefährlich und mußten  sehr fest gestopft werden, sonst fiel die Späne zusammen und es kam zur Verpuffung. Das ist sehr oft passiert. Dann flog der Deckel, der lag nur lose auf den Öfen, durch den Raum. Es wurden sogar Öfen mit zwei Patronen gebaut, besonders für öffentliche Räume. Wenn die eine Patrone leergebrannt war, wurde die zweite angesteckt. Eine Patronenfüllung brannte 4-5 Stunden. Die Sägespäne holten wir auch in Hasselfelde aus dem Keller eines Sägewerkes. Eines Tages durften wir nicht mehr allein in den Keller gehen, es wurde uns ein Betriebsangehöriger als Aufpasser zur Seite gestellt. Der Grund war, in den breiten Ledertreibriemen an der Gattersäge waren einige Löcher, die einer Schuhsohle sehr ähnlich waren! Als sich die Versorgung mit Kohlen wieder normalisierte, wurden diese Späneöfen verboten.

 

 

 

Thema 9
Der Kraftstoffmangel war ein weiteres Problem.

 

Weil der Kraftstoff für die Fahrzeuge nicht ausreichend vorhanden war, wurde in der Not eine alte Erfindung wieder belebt, der „Holzgasgenerator“! Es dauerte nicht lange und viele LKW und sogar Omnibusse fuhren mit Holzgas. Dafür wurde vorwiegend Buchenholz verwendet, so war auch dieses ein Beitrag zur Säuberung des Waldes. Das Holz wurde in dünne Scheiben geschnitten und dann mit einer Hackmaschine in kleine Stücke gehackt. Anstatt Benzin oder Diesel hatte jeder LKW ein paar Säcke Holz auf der Ladefläche zum Nachfüllen, wenn der „Ofen“ kein Gas mehr lieferte. Zum Nachfüllen mußte immer noch Glut im Kessel sein, nach ein paar Minuten Wartezeit entwickelte der Generator wieder Gas.  Die Industriebetriebe wurden aber bevorzugt mit Kohlen beliefert. So mußten alle Besitzer, auch solche die schon mit Holzgas fuhren, mit dem LKW in die Kohlengruben fahren, um den benötigten Brennstoff heranzuholen. Auf so einer Fahrt wurde ein LKW von Russen angehalten, weil ihnen das Benzin ausgegangen war. Als der Fahrer sagte, nix Benzin, Diesel, ließen sie sich nicht belehren und er mußte ihnen einen Kanister Diesel abzapfen. Als der Fahrer nach ein paar Stunden mit seiner Ladung Kohlen wieder zurück kam, standen die Russen immer noch  an derselben Stelle. Als er sie von weitem sah, hat er dann einen Umweg gewählt, sie hätten ihn eventuell noch mal um Benzin angehalten.

 

 

 

Thema 10
Kulturelles Leben entwickelte sich sehr langsam.

 

Nach den jahrelangen Entbehrungen, im Krieg waren alle öffentlichen Festlichkeiten verboten, wollten die Menschen auch mal wieder fröhliche Stunden erleben. So dauerte es nicht lange und es gab in Ellrich vier Tanzkapellen. Ein  Tanzlehrer aus Wuppertal eröffnete im Kreis Nordhausen eine Tanzschule. So hat er auch in Ellrich Tanzkurse durchgeführt, dreimal in der Woche. Dann wurde vom Ortsverband der  FDJ der Klampfenchor „Südharzer Jungspatzen“ mit  einer Volkstanzgruppe und Laienspielgruppe gegründet. Dazu auch noch die FDJ-Tanzkapelle „Toskana“. Ein von einigen FDJ-Mitgliedern selbstgeschriebenes Theaterstück mit dem Titel „Heimkehr“ wurde aber von der SED-Kreisleitung nicht genehmigt. Es wurde zwar im Text nicht erwähnt, aber jeder Zuschauer im Saal sah sofort, der Heimkehrer kam aus russischer Gefangenschaft. Eine zusammengerollte Wolldecke unterm Arm war alles, was er mitbrachte. Unser Chorleiter hat uns aber nicht gesagt, daß die Aufführung des Laienspiels nicht genehmigt wurde. So haben wir es mit großem Erfolg dreimal aufgeführt. Selbst die anwesenden Ellricher Funktionäre der SED-Ortsleitung haben Beifall geklatscht! Es hat auch keine nachteiligen Folgen gebracht.  Da ja viele Männer noch in Gefangenschaft waren, sind bei den Frauen dabei auch Tränen geflossen.

 

Gleichzeitig wurde noch ein Laientheater, das sogenannte  „Grenztheater“ gegründet. Diese zwei Laiengruppen sorgten für ein paar  Jahre sehr erfolgreich für angenehme Unterhaltung. Auch die vor dem Krieg gefeierten Maskenbälle fanden wieder ihre Auferstehung. Alle Teilnehmer mußten ihre Masken selbst anfertigen. Nach der Demaskierung um Mitternacht wurden die besten Masken mit einem Preis bedacht. Auch die russischen Soldaten hatten Gefallen an den Maskenbällen und haben gern mitgefeiert und getanzt. Leider waren sie oft ohne Genehmigung  ihrer vorgesetzten Offiziere aus ihrer Unterkunft abgehauen.  Wenn sie dann von der Militärstreife im Tanzsaal gesucht wurden, mußten alle Maskierten ihre Masken schon vor Mitternacht abnehmen. So war das Raten, wer sich hinter den Masken versteckte, schon frühzeitig zu Ende.

Die einfachen Soldaten hatten es auch nicht leicht in der Roten Armee, sie waren nur Menschen zweiter Klasse. Wenn sie von der Militärstreife aus dem Saal geholt wurden, hatten sie schon reichlich Alkohol genossen. Sie wurden verprügelt und wie ein Sack Kartoffeln auf einen Lastwagen geworfen. Die russischen Offiziere haben natürlich auch an solchen Veranstaltungen teilgenommen, sie brauchten ja keinen um Erlaubnis bitten. Auch bei den westalliierten Truppen gab es solche Unterschiede. In einem amerikanischen Gefangenenlager hat ein schwarzer Wachsoldat zu mir gesagt, ihr seid Kriegsgefangene Nr.1 und wir sind Kriegsgefangene Nr. 2. 

Auch das Stadttheater Nordhausen hat auf der kleinen Bühne im Schützenhaus einiges geboten. Sogar Operetten wurden aufgeführt und auch manch bunter Abend. Das Nordhäuser Theater war durch die Bomben der  Engländer beschädigt, so mußten sie auf die kleinen Bühnen im Kreisgebiet ausweichen.


Namen wurden absichtlich nicht genannt. Viele  Ellricher Bürger sind im Laufe der Jahre schon verstorben.  Alle damals begangenen Ungesetzlichkeiten sind nun auch verjährt.

 

 

 

Thema 11
Der Anfang nach dem Ende - Mit den „Südharzer Jungspatzen" auf Tournee

 

In guter Erinnerung habe ich die schönen Jahre mit dem Ellricher FDJ-Klampfenchor, den „Südharzer Jungspatzen“. Wir waren ein freiwilliger Zusammenschluß von Kriegsmüden, Heimatverbundenen und musikliebenden Jugendlichen, einer davon war ich. Auch einige Erwachsene im schon vorgerückten Alter, hatten sich unserem Chor angeschlossen. Nach sehr kurzer Zeit waren wir weit über die Thüringer Landesgrenze bekannt. Wir haben das ganze Kreisgebiet  bereist. Mit über hundert Gastspielen haben wir den Zuschauern viele fröhliche Stunden bereitet.

So wurden wir auch einmal von den Grenztruppen der NVA nach Weißenborn-Lüderode eingeladen, zu einem Gastspiel in der Gemeindeschänke. Sonnabend sind wir nachmittag mit dem LKW der Molkerei, natürlich mit Holzgasgenerator, angereist. Am Abend gaben wir zwei Stunden ein abwechslungsreiches Programm und anschießend spielte unsere Tanzkappelle „Toskana“ zum Tanz. Am Sonntag haben wir  eine Vorstellung  vormittag  und eine am Abend gegeben. Da die Bewohner sehr fromme Kirchgänger waren, hatten wir am Sonntag vormittag ein sonderbares Erlebnis. Wir waren mitten in der Programmaufführung, als die Kirchenglocken  läuteten und der Saal sich  in wenigen Minuten, bis auf die Soldaten, leerte. Nach einer Zwangspause, nachdem die Messe zu Ende war, kamen alle wieder zurück. Um 22 Uhr hatten wir unser Fahrzeug zwecks Abholung bestellt, denn wir mußten ja am Montag wieder zur Arbeit. Die Dorfbewohner und auch die Soldaten wollten aber nach dem Programm gerne noch einmal tanzen. Da wir dem nicht Folge leisten konnten, sagten die Soldaten „ da machen wir den Fahrer eben besoffen.“ Ausgerechnet kam der Fahrer eine Stunde früher, als wir noch auf der Bühne standen. Er hatte kaum den Saal betreten, da wurde er schon von einigen Soldaten an die Theke zum Begrüßungstrunk eingeladen und eingeseift. Trotz der Promille hat er uns in Schlangenlinie sicher nach Hause gefahren. Wir waren immerhin über 30 Personen mit unseren Instrumenten auf dem Dreitonner- LKW. Vor Liebenrode wurden wir auf einer ansteigenden Straße, auf halber Höhe, von einer Grenzstreife zur Kontrolle angehalten. Da hat unser Fahrer den Soldaten erst einmal den Ernst der Lage erklärt. Entweder unten oder oben anhalten, aber nicht auf halber Höhe am Berg. Anstatt der verlangten Fahrzeugpapiere und seinem Ausweis zeigte er ihnen seine Lebensmittelkarten und bot ihnen eine Zigarette an. Von der Promille-Fahne haben sie nichts gemerkt. Wahrscheinlich hatten sie den Wind im Rücken und haben nichts gerochen.

 

Einmal hatten wir eine Einladung zum Thüringer Landessender nach Weimar, zwecks Rundfunkaufnahmen. Mit einem Bus einer Ellricher Firma, natürlich auch mit Holzgasgenerator, sind  wir vormittag abgefahren. Hinter Sondershausen,  wir hatten  die ansteigende Strecke gerade bis zur Gabelung der Straße erreicht wo es dann in Richtung Erfurt ein Stück bergab geht, da stoppte der Fahrer den Bus und sagte, ich muß erst einmal nachsehen, etwas ist nicht in Ordnung mit dem rechten Hinterrad. Da hatten wir Glück im Pech. Von den fünf Bolzen der Radbefestigung waren schon zwei abgebrochen und der dritte schon verbogen. Wenn wir auf der abschüssigen Straße weiter gefahren wären, so wäre der Straßengraben das Ende der Fahrt gewesen. Ein vorläufiges Ende war es sowieso, denn wir konnten nicht weiter fahren. Was nun? Der  Fahrer ist per Anhalter zurück nach Sondershausen gefahren, um einen Ersatzbus zu organisieren. Bei einem Busunternehmen mit Reparaturwerkstadt  hatte er Ersatz bekommen, aber erst nach Beendigung des Berufsverkehrs. So haben wir sechs Stunden warten müssen, bis wir weiterfahren konnten. Als wir dem Sender von unserem Pech berichtet haben, wurde uns zugesichert, daß wir auch später kommen können, sie warten auf uns. So sind wir erst am späten Abend beim Sender angekommen.

Der defekte Bus wurde von der Werkstatt nach Sondershausen abgeschleppt und repariert. Die defekten Bolzen wurden durch extra neu angefertigte ersetzt, so konnten wir auf der Rückfahrt wieder mit unserem Bus fahren. Der Holzgasgenerator war von der Werkstadt schon angeheizt, das war Kundendienst der alten Schule! So fand der Tag doch noch ein glückliches Ende. Kein gutes Ende war unserem Chor für die Zukunft beschieden. Unser ehrenamtlicher Chorleiter betrieb mit seinem Großvater - welcher schon im Rentenalter war - eine kleine Druckerei und ein Papier- und Bürowarengeschäft. Leider war das nach dem Kriegsende keine Existenzgrundlage mehr. Das Bemühen, die Einstellung als hauptamtlicher Chorleiter in Ellrich zu erreichen, wurde von der Kreisverwaltung der SED nicht gefördert. So hat unser Chorleiter dann ein Angebot angenommen, in einem Großbetrieb in Erfurt einen noch größeren Chor zu  leiten.  Er ist dann mit seinem Großvater nach Erfurt gezogen. Hier wurde er als Chorleiter und Kulturabteilungsleiter des Betriebes hauptamtlich angestellt. Damit hatte er eine Existenzgrundlage für seine inzwischen gegründete Familie gesichert. Dieser Chor  durfte dann auch über die DDR-Grenzen auf Tournee gehen. Alle Unkosten des Chores hat der volkseigene Betrieb übernommen. Für seine Leistungen auf kulturellem  Gebiet wurde der  Chorleiter mit einem Nationalpreis für Kultur ausgezeichnet. Seine persönliche Meinung mußte dann in den Hintergrund treten, um seine Existenzgrundlage zu sichern.

Leider war dies auch das Ende für die „Südharzer Jungspatzen“. Es wurde noch mehrmals der Versuch unternommen, einen neuen Chor in dieser Art zu gründen, aber ohne Erfolg.

Die SED-Kreisleitung hat sich als Wächter der Nation aufgespielt, dabei haben sie den größten Mist nach dem Krieg verzapft. So wurden zum Beispiel alle Gebäude, die zu dicht an der Grenze standen gesprengt, angezündet oder abgerissen und dann mit der Planierraupe den Berg hinuntergeschoben. Zum Beispiel die Waldgaststätte „Waldkater“, die Ziegelei „Königsstuhl“, Eulings Villa ( Haus der Jungen Pioniere), das Hotel mit Gaststätte und Tanzsaal auf dem Burgberg, usw. Die SED hat das Geld für andere unwichtige Personalien  gebraucht. In jedem Dorf, auch wenn es nur ein paar hundert Einwohner hatte, gab es einen hauptamtlichen Bürgermeister und  einen Parteisekretär. In den volkseigenen Betrieben war es genauso. Für die Jugend einen hauptamtlichen Chorleiter zu finanzieren, dazu hat es nicht gereicht. Die Frage sei gestattet, hat es an Geld oder an fehlender Hirnmasse gefehlt?  Die Förderung der Jugend wurde dann in einer anderen Weise praktiziert.

 

 

 

Thema 12
Das Kino war in Ellrich wieder eines der ersten Angebote im Unterhaltungssektor.

 

Die Auswahl der Filme hatte sich natürlich sehr verändert. Die Filme der NS-Propaganda mit den angeblichen Wunderwaffen, die zum Endsieg führen sollten, waren endlich nicht mehr im Angebot. Es dauerte nicht sehr lange, bis die ersten russischen Filme, am Anfang in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln, über die Leinwand flimmerten. Das erfreute auch die russischen Soldaten, die sehr gerne das Kino besuchten. Eines Tages warteten viele Bürger vor dem alten Kino auf dem Markt auf die nächste Vorstellung, unter ihnen auch ein russischer Soldat und ein Ellricher Polizist. Aber  Gesichter und Uniformen paßten nicht zusammen. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, die beiden hatten sich einen Gag erlaubt und die Uniformen getauscht. Oft wurden die Vorstellungen unterbrochen, wenn die russische Militärstreife nach Soldaten suchte, die sich ohne  Erlaubnis von der Truppe entfernt hatten.

 

Die Vorstellungen waren immer ausverkauft, oft drei bis vier Vorstellungen am Tag. Abgesehen von den Kriegsfilmen der Russen, die auch vorgeführt wurden mußten, hat die russische Filmindustrie auch sehr gute Filme produziert, die auch heute noch unter die Besten im Weltmaßstab zu rechnen sind. Daß mit Filmvorführungen wieder Geld zu verdienen war, hatte auch ein ehemaliger krimineller KZ-Häftling erkannt. Im Hotel „König von Preußen“ hat er eine Radio-Reparaturwerkstatt eröffnet und im Tanzsaal wollte er ein Kino betreiben. Am 1. Weihnachtsabend sollte die erste Vorstellung sein, doch in der Nacht zuvor brannte der leere  Saal vollständig ab. Die Einrichtung, die der Versicherung als Brandschaden  gemeldet wurde, war aber noch gar nicht im Saal. Auch die Rechnung für von uns gelieferte Gardinenleisten, die waren schon angebracht, wollte er nicht bezahlen. Obwohl sie im gelöschten Brandrückstand noch zuerkennen waren, behauptete er sie wären ja noch nicht geliefert. Dann hatte er eine neue Idee. Mit den vom ortsansässigen Kinobesitzer gemieteten zwei transportablen Koffergeräten (welche auch nicht mit verbrannt waren), wollte er angeblich ein Wanderkino  betreiben.  Statt dessen hat er sich damit im Ellricher Schützenhaussaal eingerichtet. Das ging solange gut, bis eines Tages beim Ablesen des Stromzählers festgestellt wurde, daß dieser zu lange rückwärts lief; er hatte den Zähler einfach umgepolt.  Er hatte auch eine Ellricherin geheiratet, ein aus dieser Ehe geborenes Kind lag eines Tages tot unter der Bettdecke. Auch hatte er sich bei der Anmeldung beim Einwohnermeldeamt 10 Jahre jünger ausgegeben. Ausweispapiere oder Entlassungsschein hatte er keinen, so mußten die Behörden bei der Anmeldung die Angaben zur Person wohl oder übel glauben.

Als sich die Russen im Ort eingerichtet hatten, mußten alle Radios mit mehr als drei Röhren abgeliefert werden. Ausgerechnet bei dieser Radiowerkstatt wurden sie eingelagert. Als sie nach einiger Zeit wieder an die Eigentümer zurückgegeben wurden, hatten alle nur noch drei Röhren. Wie sich dann herausstellte, gehörte er zu der Sorte krimineller Häftlinge, welche leider in Unwissenheit des Haftgrundes mit freigelassen wurden. Zum Glück wurde er noch rechtzeitig festgenommen, als er sich in Richtung Westen absetzen wollte. Alle befreiten Häftlinge, welche aus politischen Gründen inhaftiert waren - rotes Dreieck an der Bekleidung -, sind sofort zu ihren Familien zurückgegangen, soweit dies überhaupt möglich war. Es gab aber auch noch andersfarbige Dreiecke, für Mörder und Sittlichkeitsverbrecher. Diese trauten sich nicht dahin zurückzukehren, wo sie jeder kannte und auch der Grund ihrer Inhaftierung bekannt war. Einige haben sich noch lange im Kreisgebiet aufgehalten und hier ihr Unwesen getrieben. Wenn sie gefragt wurden, warum sie inhaftiert waren, gaben sie die unmöglichsten Antworten, zum Beispiel, ich habe einer alten Frau unter den Rock gefaßt. Einer war sogar kurzzeitig Bürgermeister in Ellrich, wie noch ein paar Nicht-Ellricher. 

 

 

 

Thema 13
Ellrich, die Stadt der Segelflieger und der ruhigen Erholung

 

Die Segelfliegerschulung in Ellrich durfte nach Kriegsende, wegen der Grenznähe, nicht wieder eröffnet werden. Später wurde dann ein neuer Segelflugplatz in Bielen errichtet. Wer gerne Segelflieger werden wollte, mußte sich bei der Gesellschaft für Sport und Technik anmelden, kurz genannt GST. Dort wurden sie auch vormilitärisch ausgebildet.

Die Flugschüler kamen zwischen den zwei Weltkriegen aus ganz Europa nach Ellrich um hier das Fliegen zu lernen. Von den zwei Hallen voller Segelflieger war auch nichts mehr vorhanden.  Von Ellrichs „Erstling“, selbst in Ellrich gebaut, bis zum zweisitzigen Schulungssegler war nichts mehr vorhanden. Als die Amerikaner in Ellrich einrückten, haben sie alle Segelflieger aus der Halle geholt, in einer Reihe aufgestellt und mit einem Panzer überrollt. Einige Segler wurden mit einem Jeep ohne Pilot über den Platz geschleift bis sie vollständig zerfetzt waren.

In Ellrich wurde nicht nur das Fliegen geschult, sondern in jedem Lehrgang mußten die Teilnehmer auch in der Werkstatt das Bauen neuer Segelflieger erlernen. Der Schulgleiter SG 38 wurde in größeren Stückzahlen gebaut und eingeflogen. Dann wurden die Tragflächen und das Leitwerk abmontiert und in einer Halle in einem großen Regal, die ganze Rückfront einer Halle, eingelagert. Die aus ganz Europa angereisten Flugschüler waren dann ein paar Wochen in Ellrich, in der alten Weberei - sie wurde vor ein paar Wochen abgerissen -war die Werkstatt und oben drüber war der Schlafsaal. Die  Schulung der Ellricher Flugschüler war immer am Wochenende. So fand den ganzen Sommer über ein reger Flugbetrieb statt, welcher auch viele Zuschauer anlockte. Was früher als Sport betrachtet wurde, endete nach der Machtergreifung der NSDAP in der vormilitärischen Ausbildung.  Die NSDAP gab es auch noch unter russischer Besatzung, nur hatte sie dann eine andere Bedeutung. Die lautete dann, „Neue Sowjetische Demontage Arbeiter Partei“.

Heute versprechen die noch Überlebenden dieser verfehlten Politik wie sie es besser machen könnten, wenn man sie nur wählen würde. In der Zeit wo sie an der Macht waren, haben sie es nicht getan. Ihr oberster Chef hatte ein Freizügigkeitskonto, er konnte nach Belieben in die Staatskasse greifen. Die nächstfolgende Gehaltsgruppe, Zentralkomitee der SED, Schnitzler, alle Minister usw., hatten ein begrenztes Freizügigkeitskonto. Bis 8000 Mark konnten sie, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dem Staatshaushalt entnehmen.

Ein selbständiger Handwerksmeister mußte für einen Stundenlohn von 1,10 Mark arbeiten, er wurde sogar noch als Kapitalist bezeichnet. Wenn wir es richtig betrachten, waren wir es auch, wir haben uns selber ausgebeutet! Eine Suchanzeige für einen Gesellen in der Zeitung, die sich „Das Volk“ nannte, konnten wir nicht aufgeben. Lehrlinge wurden zugeteilt. Von 700 Schulabgängern im Kreis Nordhausen bekam das Handwerk nur 70 und die wurden auf 35 Berufsgruppen aufgeteilt. Zum größten Teil waren es Meistersöhne, die dann beim Vater lernten. Alle anderen gingen leer aus, denn die große Masse der Schulabgänger wurde den volkseigenen Betrieben zugewiesen. Selbst habe ich in 34 Jahren nur zwei Lehrlinge zur Ausbildung bekommen. Der erste Lehrling konnte seine ihm zugewiesene Lehrstelle aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten. So hat sein Vater bei mir angefragt, ob er nicht bei mir das Tischlerhandwerk erlernen kann. Aber der Rat des Kreises, Abteilung ÖVW (Örtliche Versorgungswirtschaft), wollte dem nicht zustimmen. Erst als die damalige Bürgermeisterin sich dafür eingesetzt hat, es handelte sich um eine kinderreiche Familie, wurde mir der Lehrling zugesprochen. Der zweite Lehrling war mein Enkelsohn, er konnte aber bei mir nur ein Jahr lernen. Es kam die Wiedervereinigung, wo wir alle sehnsüchtig darauf gewartet haben. Doch die Kundschaft blieb weg. Sie orientierte sich westwärts und über Nacht hatten wir keine Aufträge mehr. Kunststoffenster war der große Renner. Neue Fenster, vor wenigen Jahren erst angefertigt, wurden durch Kunststoffenster ersetzt. Viele davon sind inzwischen wieder Holzfenstern gewichen.


Namen von Personen wurden absichtlich nicht genannt, da die meisten dieser Nachkriegszeit schon verstorben sind.


Nun könnte ein neues Kapitel folgen, mit dem Titel „Nach 60 Jahren!“...